Die Ferien sind (in Kürze in ganz Österreich) vorbei – und mit ihm die Nachmittage ohne HÜ, die spontanen Ausflüge, das Ausschlafen, das In-den-Tag-hinein-Leben. Jetzt klopft der Alltag wieder an. Und mit ihm: Hausübungen, Schultaschenchaos und der Druck, „funktionieren“ zu müssen.
Dabei fällt mir jedes Jahr aufs Neue auf, wie schnell Kinder – und manchmal auch wir Erwachsene – vergessen, wie viel in ihnen steckt, wenn es in der Schule mal nicht rund läuft.
Warum ist das so? Warum glauben so viele Kinder, sie „können nichts“, nur weil sie in Deutsch oder Mathematik nicht glänzen? Vielleicht ist jetzt genau der richtige Moment, um diesen Blickwinkel zu weiten. Gemeinsam – als Familie.
Warum Kinder oft ihre Stärken nicht sehen
Kinder entwickeln ihr Selbstbild stark durch Rückmeldungen von außen – vor allem im schulischen Kontext. Laut dem Entwicklungspsychologen Albert Bandura spielt die sogenannte Selbstwirksamkeit (= was ich tue hat Wirkung im Außen) eine entscheidende Rolle: Das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Herausforderungen zu meistern, beeinflusst Motivation, Leistung und sogar das emotionale Wohlbefinden.
Wenn Kinder jedoch immer wieder hören, was nicht klappt – sei es durch Noten oder beiläufige Bemerkungen – schrumpft ihr Vertrauen in die eigenen Stärken. Und das, obwohl sie oft über Fähigkeiten verfügen, die im Schulalltag kaum sichtbar werden: Kreativität, Einfühlungsvermögen, Ausdauer, Humor, handwerkliches Geschick oder soziale Intelligenz,…
Studien zeigen außerdem: Kinder, die ihre eigenen Stärken benennen können, gehen selbstbewusster durchs Leben, sind belastbarer und lernen besser – auch in der Schule.
Es ist also nicht nur schön, den Fokus auf Stärken zu legen. Es ist wichtig, sogar wissenschaftlich sinnvoll.
Und das Beste: Es ist ganz einfach, damit anzufangen – zu Hause, im Alltag, im Gespräch.
Was kannst du alles? Eine Familien-Stärkenrunde
Zeitlicher Rahmen: 15 – 20 Minuten (beliebig erweiterbar)
Ihr braucht:
- Für jede*n ein großes Blatt Papier (oder ein kleines Plakat, eine Karte, ein Glas mit Zetteln – was euch gefällt)
- Stifte, Aufkleber, Farben – alles, womit ihr gern gestaltet
- Wer mag: kleine Symbole (z.B. Knöpfe, Steine, Muscheln), die für Stärken stehen können
Und so geht’s:
- Start: Ich sehe, was ich kann
Jede*r bekommt ein Blatt und schreibt oder malt darauf: Was kann ich gut?
Das kann in Stichwörtern, kleinen Sätzen oder Symbolen festgehalten werden. Es ist egal, ob es schulische, kreative oder soziale Stärken sind – alles zählt.
WICHTIG: Ja, es mag jemanden geben, der das, was du kannst, auch gut oder sogar noch besser kann. Und trotzdem kannst du es – deshalb darf und soll es auch auf dein Blatt Papier! - Sichtbar machen: So sieht meine Stärke aus
Wenn ihr mögt, könnt ihr die Stärken durch Farben oder Bilder unterstreichen – oder kleine Gegenstände aufkleben, die eine Fähigkeit symbolisieren. - Runde zwei: Die anderen sehen das auch
Jetzt schreiben alle Familienmitglieder auf kleine Zettel Stärken auf, die sie bei einer anderen Person aus der Runde wahrnehmen. Diese werden gesammelt und dem jeweiligen Blatt hinzugefügt. So entsteht ein sichtbarer, liebevoller Spiegel von außen. - Austausch & Staunen:
Nehmt euch Zeit, gemeinsam die Blätter durchzusehen.
Sprecht darüber: Was überrascht dich? Welche Stärke gefällt dir besonders? Gab es etwas, das du über dich noch gar nicht so gesehen hast? - Aufbewahren statt Vergessen:
Hängt die Blätter sichtbar auf – z.B. im Kinderzimmer oder in der Küche – oder faltet sie zusammen und legt sie an einen besonderen Ort. So können sie – in schwierigen Momenten oder immer mal zwischendurch – erinnern: Ich kann viel mehr, als ich manchmal glaube.
Und wie kann’s weitergehen?
Vielleicht möchtet ihr euch gegenseitig kleine Mut-Sätze mitgeben für den Start ins neue Schuljahr:
„Du bist eine kreativer Denker*in.“
„Ich mag deinen Humor.“
„Du gibst nie auf – das bewundere ich.“
Oder ihr macht euch ein Familienritual: Am Sonntag beim Frühstück nennt jede*r eine Sache, die sie oder er an sich selbst mag – oder worauf sie oder er stolz ist. Kleine Impulse – große Wirkung.
Frage dich in den nächsten Tagen doch mal:
Was kann mein Kind (oder ich selbst), das keine Schulnote je ausdrücken kann?
Und wie kann ich diese Stärke öfter sichtbar machen – für uns alle?
Der Schulanfang bringt neue Herausforderungen. Und ja – es wird auch mal stressig, chaotisch, unübersichtlich.
Aber vergiss nie: Kein Kind (oder Erwachsene*r) ist seine Note. Kein Mensch ist auf eine Leistung reduzierbar.
Manchmal braucht es nur einen kleinen Moment der Anerkennung, um wieder aufzublühen. Vielleicht ist euer nächster solcher Moment ja schon heute.