Erlebst du das auch? In Gesprächen, in den Nachrichten, selbst beim Zusammensein mit Kindern – überall scheint es derzeit ums Geld zu gehen. Aussagen wie „Es ist alles so teuer“, „Wenn ich nur mehr verdienen würde…“ oder „Für die nächste gute Note bekomme ich 5€“ sind allgegenwärtig.
Versteht mich nicht falsch: Geld ist wichtig. Es schafft Sicherheit, ermöglicht Teilhabe, schenkt Freiräume. Aber wenn sich das Denken nur noch um Kontostände, Preise und Belohnungen dreht, verlieren wir etwas viel Wertvolleres: das Gefühl, genug zu haben und auch ohne monetären Anreiz bzw. Ausgleich etwas schaffen oder wert sein zu können.
Von „mehr“ zu „genug“
Rein objektiv betrachtet geht es uns in Österreich sehr gut. Wir leben in einem Land mit hoher Lebensqualität, sozialer Absicherung und Zugang zu Bildung, Wasser, Strom, Gesundheitsversorgung. Für viele von uns ist all das so selbstverständlich, dass wir gar nicht mehr merken, wie besonders es ist. Vielleicht, weil wir ständig vergleichen: mit anderen, mit dem, was „drin sein sollte“, mit dem, was angeblich normal ist.
Gerade Familien erleben diesen Druck besonders stark: Kinder sollen mithalten können, Eltern wollen „das Beste“ bieten, und der Vergleich mit anderen ist nur einen Wisch am Smartphone entfernt.
Rundherum wird gerade Erntedank gefeiert. Früher war dies ein Fest, das die Fülle der Natur feierte – aber auch das Warten, das Hoffen, das gemeinsame Arbeiten. Heute sind unsere Regale immer gefüllt, unabhängig von Jahreszeiten. Wir müssen auf kaum etwas verzichten – und gerade deshalb fällt es uns so schwer, uns wirklich reich zu fühlen.
Reichtum hat viele Gesichter. Ein voller Kühlschrank ist einer davon. Aber was ist mit einem vollen Herz? Mit einem Abend, an dem gelacht wird? Mit einem Kind, das fragt: „Liest du mir noch was vor?“ – und du hast Zeit.
Vielleicht geht es beim „Genug“ gar nicht darum, wie viel wir haben, sondern wie bewusst wir das Haben wahrnehmen. Erntedank ist eine wunderbare Gelegenheit, uns daran zu erinnern: Nicht alles, was zählt, hat ein Preisschild. Und nicht alles, was fehlt, muss gekauft werden.
Was du hast, ist mehr, als du denkst
Zeitlicher Rahmen: ca. 10 Minuten
Ihr braucht: ein Blatt Papier oder ein Notizbuch, einen Stift
Und so geht’s:
Wähle einen der folgenden Satzanfänge aus – oder lies sie dir der Reihe nach durch. Entscheide dich für den, der dich heute am meisten anspricht:
Ich kann mich glücklich schätzen, dass …
Da ist ein Gefühl von Zufriedenheit, weil …
Es ist schon etwas Besonderes, dass …
Auch wenn ich gerade einige Gründe habe, traurig / wütend / besorgt zu sein – immerhin …
Jetzt stell dir einen Wecker auf 5 Minuten – und schreibe. Ohne Pause. Ohne darüber nachzudenken, ob der Gedanke „gut genug“ ist. Einfach drauflos.
Am Anfang kommt vielleicht nur wenig. Aber wenn du dranbleibst, füllt sich das Blatt. Und mit jedem Satz entsteht ein kleines Fenster zur Dankbarkeit. Am Ende wirst du staunen, was da alles steht – und wie viel du eigentlich hast.
Wenn du magst, kannst du diese Übung auch mit Kindern machen – mündlich, reihum, als Spiel beim Abendessen oder beim Schlafengehen.
Und wie kann’s weitergehen?
Wenn du heute beim Lesen einen kleinen Stich gespürt hast – ein Gefühl von „Stimmt eigentlich …“, dann nimm das ernst. Nicht im Sinne von Schuld oder Verzicht, sondern als Einladung.
Eine Einladung, dich wieder mehr mit dem zu verbinden, was wirklich trägt.
Eine Erinnerung daran, dass du (und auch dein Kind) nicht alles brauchst, um glücklich zu sein.
Vielleicht sogar der Anfang einer neuen Art von Reichtum – still, innerlich, kraftvoll.
Frag dich:
Was brauche ich (wir) wirklich – und was nur scheinbar?
Womit fühle ich mich verbunden?
Wie kann ich Dankbarkeit in den Alltag holen – nicht als Pflicht, sondern als etwas, das mir gut tut?
Erntedank ist mehr als eine Tradition – es ist ein Moment des Aufatmens. Ein Innehalten, das uns zeigt: Es ist genug da. Du bist genug. Das Leben ist reich, wenn du hinsiehst.
Ich wünsche dir eine Zeit voller stiller Reichtümer, liebevoller Momente und der Gewissheit: Du hast und bist mehr, als du denkst.