Der Dezember ist da und mit ihm der Advent – eine besondere Mischung aus Glanz und Dunkelheit, Heimeligkeit und Hektik. Für viele von uns ist jetzt die Zeit, in der die Erschöpfung des Jahres spürbar wird: die To-do-Listen waren lang, die Tage oft zu voll und weiter geht es mit Punschständen, Adventkonzerten, Weihnachtsfeiern,…
Dabei könnte der Winter auch frühe Schlafenszeit, Rückzug und stille Momente bedeuten. Du musst nicht überall dabei sein (auch wenn uns das oft suggeriert wird). Der Advent lädt uns ein, langsamer zu werden und bewusst anzukommen – bei uns selbst – dort, wo wir oft zuletzt hinschauen.
Ankommen heißt auch, stolz auf sich zu sein
In unserer Kultur wird Stolz oft mit Arroganz verwechselt bzw. gleichgesetzt. Vielleicht kennst du diesen inneren Zweifel: Darf ich das überhaupt sagen – dass ich stolz auf mich bin?
Aber Stolz muss kein lautes Herausposaunen sein. Gesunder Stolz ist ein leises, warmes Gefühl. Er entsteht, wenn wir unser eigenes Wachstum sehen – und anerkennen, was wir geleistet haben.
Die Emotionsforschung (z.B. Tracy, J. L. & Robins, R. W.) beschäftigt sich mit diesem Thema und beschreibt zwei Arten von Stolz:
Authentischer Stolz entsteht, wenn wir unsere Anstrengung, unser Lernen oder unsere Entwicklung sehen – sogar unabhängig vom Ergebnis.
Egozentrischer Stolz basiert hingegen eher auf Vergleichen mit anderen und dem Wunsch nach Überlegenheit.
Gerade der authentische Stolz hat laut Studien viele positive Effekte:
Er stärkt Selbstvertrauen, motiviert zu neuem Verhalten und trägt dazu bei, dass wir Rückschläge besser verarbeiten. Er hilft uns, dranzubleiben und Ziele langfristig zu verfolgen, er gibt uns ein Gefühl von Sinn.
Und: Kinder und Erwachsene, die lernen, gesunden Stolz zu empfinden, entwickeln eine stabilere innere Haltung, die sie unabhängig macht von äußerer Bewertung und Belohnung.
Stolz ist also nicht Selbstverliebtheit.
Stolz ist Selbstverbundenheit.
Ein „Ich sehe mich – und ich erkenne an, was ich geschafft habe.“
Jetzt ist die Zeit, das zu würdigen:
Dass du in diesem Jahr durchgehalten hast – obwohl du vielleicht müde warst.
Dass du dich um andere gekümmert hast – und trotzdem auch dich nicht vergessen hast.
Dass du Entscheidungen getroffen hast, dich gezeigt oder abgegrenzt hast.
Nicht, dass du perfekt warst. Sondern dass du du warst. Dass du dich weiterentwickelt hast. Und dass dein Weg zählt.
Ich bin stolz auf …
Zeitlicher Rahmen: Ab 5 Minuten – beliebig erweiterbar
Ihr braucht:
Einen gemütlichen Ort und ein wenig ungestörte Zeit – mehr nicht
Hinweis: Grundsätzlich kann man die Übung auch alleine machen – die Gedanken bekommen aber mehr Bedeutung, wenn man sie auch laut ausspricht.
Und so geht’s:
Nehmt euch bewusst Zeit, gemeinsam auf das Jahr zurückzublicken.
Stellt euch diese Frage: Worauf bin ich in diesem Jahr stolz?
Sollte euch spontan nichts einfallen, könnt ihr mit diesen Fragen weiterdenken:
- Was habe ich getan, verändert oder erlebt, das mir etwas bedeutet?
- Was hat Kraft, Mut oder Ausdauer gebraucht?
- Welche Situationen habe ich gut gemeistert – auch wenn vielleicht niemand es gesehen hat?
Dann ergänzt: Wie fühlt es sich an, das anzuerkennen?
- Wo spürst du den Stolz im Körper?
- Was ist das für ein Gefühl?
Lasst jede*n zu Wort kommen, aber ohne Druck. Manchmal braucht es ein wenig Zeit, bis sich der Blick weitet. Und manchmal erkennt man beim Zuhören auch eigene Erlebnisse wieder.
Und wie kann’s weitergehen?
- Macht ein Spiel daraus, das ihr regelmäßig spielt: Heute bin ich stolz auf … und dankbar für …
- Unterstütze dein(e) Kind(er) dabei, authentischen Stolz zu spüren: Lobe nicht (nur), wenn etwas geschafft wurde, sondern frage gezielt nach, wie sich das anfühlt – so hilfst du deinem Kind ganz nebenbei, stolz auf sich zu sein und sich auch für die nächste Herausforderung selbst zu motivieren, weil der eigene Stolz Belohnung genug ist.
Vielleicht wächst aus dem Erkennen deines Stolzes ein neues Vertrauen in dich selbst.
Du musst dich nicht vergleichen. Du musst nichts beweisen.
Du darfst stolz sein – einfach, weil du da bist. Und weil du deinen Weg gehst.
Ich wünsche dir einen Advent, der dich nicht erschöpft, sondern stärkt und bei dir ankommen lässt.
Einen, in dem du Raum findest – für Ruhe, für Rückblick und für die Anerkennung deiner inneren Stärke.